Ethik – die praktische Philosophie

EpikurDer große griechische Philosoph Aristoteles (384 – 324 v. Chr.) hat bereits die Ethik als eigenständige Disziplin neben Physik und Metaphysik begründet und spätestens seit dieser Zeit beschäftigten sich alle Philosophen mit dieser praktischen Disziplin der Philosophie. Bis diese jedoch unter dem Namen „Ethik“ in den Fächerkanon der (bayerischen) Gymnasien einging, verstrichen mehr als 2400 Jahre. Zwar wurde in der Bayerischen Verfassung vom 01. Dezember 1946 im Artikel 137 verankert, dass „für Schüler, die nicht am Religionsunterricht teilnehmen, (...) ein Unterricht über die allgemein anerkannten Grundsätze der Sittlichkeit einzurichten [sei]“, doch bekam das Unterrichtsfach Ethik erst mit der Einführung der reformierten Oberstufe (Kollegstufe) im Jahre 1978 eine eigenständige Bedeutung als Wahlalternative zum Fach Religionslehre.

Das bedeutet freilich nicht, dass die Menschen in dieser Zeit sichnicht mit Fragestellungen der Ethik auseinander setzten: Der Artikel 137 Bayerischen Verfassung, der dem Fach Ethik Verfassungsrang zuspricht, legt beredtes Zeugnis dafür ab: Man war sich nach den Erfahrungen des Nationalsozialismus darüber im Klaren, dass ein demokratisches Staatswesen nur auf einer allgemein anerkannten Wertebasis dauerhaft funktionieren konnte. Allerdings wurden solche ethischen Grundprobleme eher auf der religiösen Ebene angesprochen. Dies hängt mit der überragenden Stellung zusammen, die das Christentum seit der Spätantike in Staat und Gesellschaft innehatte. Erst mit der Aufklärung, als sich die Philosophie langsam aus der christlichen Umklammerung löste, dürften sich erste Schritte hin zur heutigen Bedeutung und Funktion der Ethik vollzogen haben. Einen eigenständigen Ethikunterricht in meiner eigenen Schulzeit gab es erst in der Kollegstufe. Inhalte dieser wichtigen Disziplin der Philosophie wurden uns Schülern lediglich im Lateinunterricht der Oberstufe näher gebracht. Das bedeutet aber nicht, dass ethische Fragestellungen nichtauch in anderen Fächern angerissen und mitunter auch vertieft behandelt wurden.

Blättert man in den vielfältig erhalten gebliebenen Akten zur Schulgeschichte des Karl-Ernst-Gymnasiums, so zeigen schon die ersten Lehrpläne, dass der Geschichte der Philosophie ein besonderer Stellenwert beigemessen wurde. So hatte der erste Direktor, Professor Eisenmann, ab 1807 auch einen philosophischen Grundkurs abzuhalten, um angehende Studenten auf die Anforderungen eine Hochschulstudiums vorzubereiten. Allerdings wurde dieses Angebot schon bald mangels Interesse gestrichen. Ethische Fragestellungen blieben von da an zumeist den Altphilologien (Griechisch, Latein) vorbehalten.

Mit Einführung der Kollegstufe in ganz Bayern im September 1978 wurde das Fach stärker ausgebaut. Ethiklehrer der Kollegstufe wurden in dreiwöchigen Kurssequenzen durch die Akademie für Lehrerfortbildung in Dillingen besonders auf die Anforderungen der Oberstufe vorbereitet; Fachlehrbücher zu den einzelnen Kurshalbjahren erschienen auf dem Markt und es folgten verbindliche Lehrpläne. Auch wurden die Anforderungen in der Abiturprüfung in Bayern 1987 festgelegt, so dass das Unterrichtsfach Ethik für die Kollegiatinnen und Kollegiaten als Alternative zum Religionsunterricht immer mehr an Attraktivität gewann. Allerdings galt es damals für die Wechselwilligen, eine Hürde zu überspringen. Ethik konnte nur dann als 3. oder 4. Abiturfach gewählt werden, wenn man es bereits in der 11. Jahrgangsstufe besucht hatte. War dies – wie so oft – nicht der Fall, musste man sich zu Beginn der 12. Jahrgangsstufe einer Ersatzprüfung über den Jahrgangsstoff 11 erfolgreich unterziehen.

Bereits mit Einführung der Kollegstufe konnte ein Grundkurs Ethik eingerichtet werden, der dann bis auf wenige Ausnahmen zumindest jahrgangsübergreifend bis zur Einführung des G8 fester Bestandteil des Kursangebots am Karl-Ernst-Gymnasium war. Mit Beginn der 90er Jahre kam es auch in den unteren Jahrgangsstufen verstärkt zum Unterrichtsbedarf im Fach Ethik, doch konnte das Fach mangels Lehrpersonals oft nicht unterrichtet werden. Erst seit dem Schuljahr 1999/2000 konnten alle betroffenen Mädchen und Jungen ihren Ethikunterricht erhalten, wobei es mitunter auch zu jahrgangsübergreifenden Klassen kam. Dabei war die Schulleitung stets bestrebt, den Ethikunterricht parallel zum Religionsunterricht im Stundenplan zu legen, um Nachteile für die betroffenen Schüler – die ja den Ethikunterricht besuchen müssen – zu vermeiden.

Im Schuljahr 2013/14 besuchen mehr als 10 Prozent der Schülerinnen und Schüler den Unterricht im Fach Ethik. In den unteren Jahrgangsstufen kann das Fach ebenfalls immer, wenn die Einrichtung notwendig war, parallel zum Religionsunterrichtet gegeben werden.

Ethiklehrer der „ersten Stunde“ war mein geschätzter Kollege StD a. D. Blasius Huber. Er etablierte das Fach in der neu reformierten Kollegstufe. Seine fachliche Qualifikation bestand – neben seinen im Studium erworbenen Kenntnissen in Philosophie – in der Absolvierung des oben bereits erwähnten dreiwöchigen Sequenzkurses in Dillingen bzw. Gars sowie durch den Besuch zahlreicher weiterer Fortbildungen. Über zwei Jahrzehnte war er alleine für das Fach Ethik am Karl-Ernst-Gymnasium zuständig. Im Schuljahr 1999/2000 stieß ich als zweiter Ethiklehrer dazu, der ebenfalls die Ausbildung in Dillingen und Gars absolvierte. Auf diese Weise konnte von da an der erhöhte Stundenbedarf abgedeckt werden. Mit  dem altersbedingten Ausscheiden Herrn Hubers aus dem aktiven Dienst konnten Frau Sabine Steinöl, Herr Thomas Hohlfeld und Herr Hansjörg Rüthel für den Unterricht gewonnen werden, so dass auch weiterhin der Bedarf gedeckt ist. Seit dem August 2004 kann Ethik als ordentliches Erweiterungsfach an bayerischen Universitäten studiert und mit dem 1. Staatsexamen abgeschlossen werden. Daran schließt sich die zweijährige Seminarausbildung an. Ethik ist damit endgültig in Bayern als eigenständiges Unterrichtsfach etabliert. Es bleibt zu hoffen, dass viele junge Kolleginnen und Kollegen trotz erheblicher Mehrbelastung diese Möglichkeit der Zusatzqualifikation ergreifen.

Im Ethikunterricht der unteren Jahrgangsstufen geht es vorrangig darum, die Stellung des Einzelnen in der Gesellschaft, seine Bedürfnisse und die Ansprüche an ihn von verschiedenen Seiten zu beleuchten. Dabei werden ganz bewusst altersgerechte Unterrichtsformen eingesetzt. In der Mittelstufe stehen verstärkt unterschiedliche Sinnantworten der einzelnen Religionen im Vordergrund. In der Oberstufe soll im Sinne einer ethisch-praktischen Propädeutik an die Themenvielfalt der praktischen Philosophie herangeführt werden. Dabei geht man oft historisch vor, um die unterschiedlichen Antworten zu den Problemen von den Vorsokratikern bis in die heutige Zeit zu bieten. Dabei wird besonders eingegangen auf

  • die Gestalt des Sokrates als Vorbild moralischen Argumentierens;
  • Platon;
  • Aristoteles;
  • metaphysische Gesamtentwürfe des christlichen Mittelalters;
  • wichtige Denker der Übergangszeit zur Aufklärung;
  • die Philosophie Kants;
  • utilitaristische Ansätze;
  • neuere Akzentuierungen vor allem des 20. Jahrhunderts (Jonas, Rawls, Singer) usw.

In der Qualifizierungsphase der Oberstufe sollen philosophische Grundpositionen zu unterschiedlichen Bereichsethiken und Antworten verschiedener Epochen vorgestellt werden. Dabei wird aber immer wieder auf andere Wissenschaftsbereiche wie Anthropologie, Biologie, Psychologie, Soziologie, Politologie oder Jurisprudenz zugegriffen, um ein möglichst breites Spektrum der jeweils angerissenen Thematik abzudecken.

Uwe Lerke

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